Schmale Gehsteige an der Mühlstraße in Nieder-Beerbach

Die Bürgersteige waren schon immer handtuchbreit

Im Vergleich zu Städten kommt es mir absurd vor, wie schmal hier im Innenbereich der Dörfer teilweise die Gehsteige sind. Vom Kinderwagen oder Rollator hängen zwei Räder auf die Straße. Wenn Mülltonnen an der Straße stehen, müssen Schulkinder auf die Straße, in den Pendlerverkehr, ausweichen. In den Nebenstraßen kommen noch parkende Autos dazu, so wird der Gang durchs Dorf zum Parcours. 

Auf Facebook wies mich jemand darauf hin, dass die Bürgersteige ja schon immer so schmal waren, und das stimmt natürlich. Aber warum waren die schon immer so?

Meine Schwiegermutter ist in den 50er und 60er Jahren in Nieder-Beerbach aufgewachsen. Ich habe sie ausgefragt, wie das Leben „uff de Gass“ damals so war.

Die Gehsteige waren damals schon genauso schmal wie heute. Teilweise wurden sie später verbreitet, wo es ging. Beispielsweise Vorgärten abgeschnitten. 

Es waren viel mehr Leute zu sehen. Man erledigte ja alles zu Fuß oder per Pferdekutsche oder per Fahrrad. Es gab noch kaum Autos. Ein Bus fuhr damals schon. Nieder-Beerbach hatte damals 800-900 Einwohner und im Ort gab es viel mehr Geschäfte als heute. 3 Metzger, 2 Schneider, 2 Frieseure, einen Bäcker, einen Schmied, einen Kramladen… 

Der Besitzer des Kramladens fuhr übrigens immer mit seinem „Lastenrad“ nach Eberstadt, um dort von der Wäschbütt bis zur Schraube alles zu besorgen, was die Leute in Beerwisch bei ihm bestellt hatten.

Da die meisten Wege zu Fuß erledigt wurden, gab es auch viel mehr Begegnungen. Da wurde gegrüßt, geschwätzt und geschaut. (Das war nicht immer von Vorteil, meint meine Schwiegermutter. Man stand so auch mehr unter Beobachtung.) Samstags wurde die Gass gekehrt und die Kinder gebadet und das Brot vom Bäcker geholt. 

Die vielen Leute, die unterwegs waren, gingen aber überhaupt nicht alle hintereinanderweg auf den schmalen Gehsteigen. Sie gingen einfach mitten auf der Straße. Mit dem Korb oder mit Eimern, mit Handwägelchen oder Kinderwagen. Ab und an kam eine Pferdekutsche oder ein Auto, dann ging man kurz beiseite.

Warum gab es dann zu der Zeit überhaupt die Gehsteige? Das weiß ich immer noch nicht. Vielleicht, damit das Regenwasser (und der Pferdemist) nicht bis an die Häuser fließen, sondern in den Rinnstein. Oder damit man samstags weniger kehren muss? Vielleicht kann mir das noch jemand beantworten.

Aber zurück zur Verkehrswende: Die Autos beanspruchen jetzt den Platz auf der Straße. Die Fußgänger werden an die Seite gedrängt. Und der Trend geht immer weiter. Die Autos werden größer und immer mehr. Die Kinder im Kindergarten lernen das „Einklappen“. Wenn sie im Ort unterwegs sind, und ein Auto kommt, dann ruft die Erzieherin „Einklappen!“. Die Kinder stellen sich mit dem Rücken an die Hauswand und warten. Bis die Erzieherin sagt, dass sie weiter laufen dürfen. Ich finde das krass. 

Die vielen Autos „verwüsten“ auch die Ortskerne. Von den Geschäften ist kaum noch etwas übrig, die Dörfer werden zu Schlafstädten und Vororten. Wo Leute hinziehen, weil sie schnell wegkommen. 

Natürlich können wir nicht komplett zu einem autofreien Zustand zurück. Mobilität bedeutet ja auch Lebensqualität. Aber wir müssen überlegen, wie der Trend in Zukunft aussehen soll. Sollen es immer mehr Autos und immer leblosere Orte werden? Ein schlechter Abklatsch von der Stadt? Oder finden wir einen neuen Trend hin zu Entschleunigung, Dienstleistungen vor Ort, Raum für Begegnungen, Sicherheit für Kinder? Ich freue mich auf die Diskussionen, Ideen und Lösungen dazu in den nächsten Jahren.

Magdalena Böttger

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